Schmerz - Symptom oder Krankheit?

Alle Versuche, das Phänomen Schmerz per Beschreibung einzugrenzen sind so falsch wie richtig, so banal wie elaboriert. Es sind Versuche, die unüberschaubaren, vielfältig ineinander greifenden physiologischen und psychischen Reaktionen des Schmerzleidenden zu verstehen. Die International Association for the Study of Pain (IASP) hat im Jahre 1979 eine erste "offizielle" Definition des Schmerzes als wissenschaftlichen Forschungsgegenstand wie folgt formuliert:

"Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis das mit aktueller oder potentieller Gewebsschädigung verknüpft ist oder mit den Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird."

...Diese eher am akuten Schmerz orientierte Definition beinhaltet eine für die damalige Zeit revolutionäre Erweiterung: die bis dato vorherrschende Betrachtungsweise des Schmerzes als rein körperliches Symptom eines biologischen Schutzmechanismus (Nozizeption) wurde um die affektiv/emotionale Dimension "Gefühl" erweitert, zur rein körperlichen Empfindung (Sensorik) gesellte sich der psychische Affekt, der Schmerz wurde in der wissenschaftlichen Betrachtung dadurch zum mehrdimensionalen Ereignis.

Das Prinzip der Mehrdimensionalität des Schmerzes wurde vom kanadischen Psychologen R. Melzack um die Grundannahme der „grundsätzlichen Dissoziierbarkeit der einzelnen Dimensionen“ erweitert. Mittels speziell entwickelter Testverfahren (Mc Gill-Pain-Questionaire) konnte er nachweisen, daß Therapieverfahren, die auf eine Veränderung der emotionalen Affekte (Schmerzbewältigung) abzielten, diese auch positiv beeinflussen konnten, ohne daß sich die Sensorik der körperlichen Wahrnehmung des Schmerzes veränderte. Umgekehrt war es möglich, die reine Nozizeption mittels lokal- bzw. leitungsanästhesiologischer Verfahren auszuschalten, ohne daß sich an der emotionalen Situation der Patienten etwas änderte. Für die Praxis ergab sich aus dieser Erkenntnis die Notwendigkeit interdisziplinären Vorgehens. Eine erfolgversprechende Therapie bedurfte der Kenntnisse mehrerer Fakultäten.

Die tägliche Praxis zeigte aber auch die Relevanz einer weiteren Dimension des Schmerzes, des zeitlichen Aspektes. Neben den systemischen Bedingungen der Grunderkrankung, den psychischen Konditionen der Betroffenen spielt auch der zeitliche Aspekt des Chronifizierungsgeschehens eine wichtige Rolle.

Zunächst waren es rein praktisch/semantische Erwägungen, die zu einer ausschließlich chronologisch begründeten Einteilung des Schmerzgeschehens in 5 Stadien führte:

Zeitliche Einteilung unterschiedlicher Schmerzzustände nach klinischen Gegebenheiten:

  1. Akuter Schmerz (Tage bis 1 Woche)
  2. Protrahierter Schmerz (1—4 Wochen)
  3. Chronifizierter Schmerz (Monate bis 1 Jahr)
  4. Chronischer/chronisch rezidivierender Schmerz (länger als 1 Jahr)
  5. Chronischer Schmerz plus psychische Veränderungen = Schmerzkrank­heit

Bald kam man jedoch nicht umhin, die anderen Aspekte chronischer Schmerzkrankheit in ein solches Stadienkonzept miteinzubeziehen, um dadurch die Schwere und das Ausmaß der Schmerzkrankheit quantifizieren zu können und vor allem zu einem frühen Zeitpunkt fundierte Aussagen über einen möglichen Therapieausgang wagen zu können.

So hat sich heute das Stadienkonzept nach Gerbershagen durchgesetzt, das auf einfache Weise die genannten Aspekte des chronischen/chronifizierenden Schmerzgeschehens plus dem Aspekt gescheiterter Therapieversuche ohne differenzierte Gewichtung addiert und über den so ermittelten Punktwert einen Prediktor für Therapiewahl und Therapieausgang sein kann.

Seite: Seite zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 Seite vor